Drive My Car

Aus den 20 Seiten einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami formt der japanische Regisseur Ryusuke Hamaguchi einen fast drei Stunden langen Film. DRIVE MY CAR ist also weit mehr als eine Adaption, sondern ein Weiterdenken, ein Weiterspinnen von angedeuteten Ideen. Vor allem aber ein präzise gefilmtes Drama, für das Hamaguchi in Cannes mit dem Preis für das Beste Drehbuch und den Preis der Filmkritik ausgezeichnet wurde.

Auf den ersten Blick scheint die Ehe zwischen dem Theater-Regisseur Yusuke und der Drehbuchautorin Oto gut zu funktionieren. Das Paar ergänzt sich und findet gerade beim Sex zu großer Nähe: Im Moment des Höhepunkts kommen Oto die besten Ideen, die sie rauschhaft formuliert und sofort wieder vergisst. Yusuke dagegen erinnert jedes Wort seiner Frau, ist verliebt in ihre Stimme.
Doch eines Tages kommt er nach Hause und sieht Oto mit einem anderen Mann. Einer Konfrontation weicht er jedoch aus, schließt die Tür und geht. Erst Tage später versucht er, das Gespräch auf den Betrug zu lenken, doch Oto ist auf dem Sprung, am Abend soll das Gespräch stattfinden. Bevor es jedoch dazu kommen kann, stirbt Oto an einem Aneurysma, all die Fragen, die Yusuke hatte, müssen unbeantwortet bleiben.
Einige Zeit später übernimmt Yusuke die Regie bei einer Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“. Aus Versicherungsgründen darf er nicht selber Auto fahren und begegnet so der Chauffeurin Misaki (Toko Miura), eine junge Frau, die selbst gerade einen Verlust zu verarbeiten hat. Einer der Schauspieler, die für eine Rolle in dem Stück vorsprechen, ist der attraktive, aber nur bedingt talentierte Takatsuki (Masaki Okada), in dem Yusuke den Liebhaber seiner Frau wiederzuerkennen glaubt. Während er sich in die Inszenierung seiner Tschechow-Produktion stürzt, werden die Stunden im Auto zu einer kathartischen Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich näher sind, als sie anfangs dachten.

Grob gesagt erzählt Tschechows Stück „Onkel Wanja“ von verpassten Gelegenheiten. Im Gegensatz zu vielen Filmen, in denen im Film inszenierte Filme oder Theaterstücke die Emotionen der Figuren überdeutlich spiegeln, belässt es Ryusuke Hamaguchi bei Andeutungen. Mäandernd entwickelt sich eine ohnehin schon lose Geschichte, in denen das Vergehen der Zeit essentieller Teil des Films ist. Yusuke und Misaki, Yusuke und seine Schauspieler, anfangs Yusuke und Oto, die reden, ohne viel zu sagen, jedenfalls nichts betont pointiertes.
Stattdessen beobachtet Hamaguchi seine Figuren, sieht ihnen beim Sein zu, beim Autofahren, bei den Proben, bei einem langsamen Prozess der Erkenntnis, die jedoch nicht in einen Aha-Moment mündet, sondern in die Einsicht, dass man nie genau wissen kann, was ein Gegenüber denkt, selbst wenn dieses Gegenüber ein geliebter Mensch ist. So wie Haruki Murakami in seinen Romanen und Kurzgeschichten viel im Ungefähren lässt, bisweilen auch metaphysische Momente einstreut, verzichtet auch Hamaguchi in seiner kongenialen Adaption auf jegliche Zuspitzung.


Japan 2021; Regie: Ryusuke Hamaguchi; Darsteller*innen: Hidetoshi Nishijima, Masaki Okada, Toko Miura, Reika Kirishima, Park Yurim, Jin Daeyeon; Länge: 179 Min.

 
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