In einem Jahr mit 13 Monden

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In einem Jahr mit 13 Neumonden sind, so Fassbinder, gefühlsbetonte Menschen besonders gefährdet. „Es kommt oft zu persönlichen Katastrophen“. 1978 war so ein Jahr. Aus Liebe zum Bordellbesitzer und Grundstückspekulanten Anton hat sich Elvira (Erwin) einst einer Geschlechtsanpassung zur Frau unterzogen. Begleitet von der Roten Zora, einer gütigen Hure, streift sie durch ein unwirkliches, kaltes und brutales Frankfurt, während sie aus ihrem Leben erzählt:

Von der Kindheit des Knaben Erwin unter der Obhut von Nonnen, der Arbeit als Schlachter, von der Operation in Casablanca und davon, wie das alles in der Verzweiflung endete: Ein sensibles Wesen, das am Ende seiner Lebenskräfte angelangt ist, weil es auf der Suche nach Liebe auf nichts als Ablehnung, Kälte, Einsamkeit und Gewalt stieß. Dieser Film ist Fassbinders persönlichster, verarbeitet er doch darin den Selbstmord seines Freundes Armin Meier.
Fassbinder führte hier zum ersten Mal – neben Regie, Buch und Schnitt – auch die Kamera. Einstellungen durch Türrahmen und Fenster, in und aus Spiegeln heraus versinnbildlichen den bedrängten Seelenzustand Elviras. Außergewöhnlich grell in ihrem harten Realismus und in der Expressivität an den Film Noir gemahnend sind die Drehorte: Tiefgaragen, Spielhöllen, Hochhäuser.
Rainer Werner Fassbinder: „Der Film erzählt von den Begegnungen eines Menschen während der letzten 5 Tage seines Lebens und versucht, anhand dieser Begegnungen herauszufinden, ob die Entscheidung dieses einen Menschen, dem letzten dieser Tage, dem fünften also, keinen weiteren folgen zu lassen, abzulehnen, zu verstehen wenigstens oder vielleicht gar akzeptierbar ist. Der Film spielt in Frankfurt, einer Stadt, deren spezifische Struktur Biographien wie die geschilderte fast herausfordert, zumindest aber nicht als besonders ungewöhnlich erscheinen lässt. Frankfurt ist kein Ort des freundlichen Mittelmaßes, der Egalisierung von Gegensätzen, nicht friedlich, nicht modisch, nett, Frankfurt ist eine Stadt, wo man an jeder Straßenecke überall und ständig den allgemeinen gesellschaftlichen Widersprüchen begegnet, zumindest wenn man nicht gleich über sie stolpert, den Widersprüchen, an deren Verschleierung sonst allerorten recht erfolgreich gearbeitet worden ist. – Jedes 7. Jahr ist ein Jahr des Mondes. Besonders Menschen, deren Dasein hauptsächlich von ihren Gefühlen bestimmt ist, haben in diesen Mondjahren verstärkt unter Depressionen zu leiden, was gleichermaßen, nur etwas weniger ausgeprägt, auch für Jahre mit 13 Neumonden gilt. Und wenn ein Mondjahr gleichzeitig ein Jahr mit 13 Neumonden ist, kommt es oft zu persönlichen Katastrophen. Im 20. Jahrhundert sind es 6 Jahre, die von dieser gefährlichen Konstellation bestimmt sind – eines davon ist das Jahr 1978, davor waren es die Jahre 1908, 1929, 1943 und 1957. Nach 1978 wird das Jahr 1992 noch einmal das Leben vieler gefährden.“


BRD 1978; Regie: Rainer Werner Fassbinder; Darsteller*innen: Volker Spengler, Ingrid Caven, Gottfried John, Elisabeth Trissenaar, Eva Mattes, Günter Kaufmann u.a; Länge: 124 Min; FSK 16

 
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